(Un colloquio con Peter Handke, una disputa sulla Serbia e Srebrenica alla Fiera di Lipsia, e numerose altre riflessioni sulle incongruenze a proposito del "caso Srebrenica" da parte di Alexander Dorin, saggista esperto sul tema)


Peter Handke u. Alexander Dorin zu Srebrenica

1) Interview mit / Brief an Peter Handke (A. Dorin, Ketzerbriefe)
2) Serbien: Umkämpfte Meinungsfreiheit auf der Leipziger Buchmesse (März 2011)
3) Gespräch mit A. Dorin: "NATO hat im Fall Jugoslawien Blut an den Händen" (Juli 2011)


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Da:  Y.&K.Truempy <trumparzu  @  bluewin.ch>

Oggetto:  Interview mit Peter Handke zu Srebrenica

Data:  18 settembre 2011 15.14.40 GMT+02.00


Aus: Ketzerbriefe 169, September/Oktober 2011

http://www.ahriman.com/ketzerbriefe/kb169.htm


Interview mit Peter Handke


Im Januar 2011 trafen Alexander Dorin und Peter Priskil den Schriftsteller Peter Handke in Paris zu einem Gespräch, das nachfolgend in Auszügen wiedergegeben ist.


P. Priskil: Herr Handke, seit Peter Weiss in öffentlichen Erklärungen, Flugschriften und Bühnenstücken die US-Aggression gegen Vietnam verurteilt hat, sind Sie der erste deutschsprachige Schriftsteller von Rang, der bei der Zerschlagung Jugoslawiens durch die NATO dezidiert Stellung bezogen hat. Was hat Sie bewogen, Partei für die angegriffene Seite zu ergreifen?

P. Handke: Ich hätte mich, glaube ich, schon vorher einmischen sollen. All die Jahre während des Krieges gegen Jugoslawien habe ich gedacht: Das kann doch so alles nicht stimmen; »gut« und »böse« sind nie so klar abgegrenzt. Natürlich hatten auch mich die Fernsehbilder und Kommentare über das serbische Vorgehen in Slowenien geschockt, aber ich dachte, da stimmt doch etwas nicht. Dieses Volk hat sich von den Türken befreit, im Zweiten Weltkrieg vom Faschismus - das verkörperte Jugoslawien für mich. Und dieser Haß in den Kommentaren, in der Sprache, das machte mich nachdenklich. Im Herbst 1995, während der Verhandlungen in Dayton, faßte ich dann den Entschluß, mit zwei Freunden nach Jugoslawien zu fahren.

Ich habe sofort gespürt: Es herrscht eine große Trauer im Land - ich war damals in Belgrad -, eine Nachdenklichkeit. Die Oppositionellen, die ich besucht habe, vermochten mich nicht zu überzeugen. Es war eine düstere, unklare Atmosphäre. Dann bin ich mit dem Leiter des Goethe-Instituts in Jugoslawien und einem befreundeten Maler aus Salzburg durch Serbien gefahren, ohne irgend etwas zu wissen. Wir kamen auch nach Kragujevac, wo im Zweiten Weltkrieg das furchtbarste Massaker stattfand, und durch tief verschneite Landschaften bis an die Drina. Damals hatte ich nicht die Absicht gehabt, etwas zu schreiben. Es lag etwas Unbestimmtes in der Atmosphäre. Ich habe gesehen: da ist grammatikalisch, sprachlich, rhythmisch, farblich etwas ganz anderes, als die westlichen Medien erzählt haben; aber was heißt Erzählung - es war Demagogie. »Erzählung« ist eines der schönsten Wörter, die es in der Sprache gibt, aber ich hörte bislang nur Demagogie.

Und dann... die Verlassenheit des serbischen Volkes. Wir wollten nach Bosnien, aber die Grenzposten haben uns nicht hinübergelassen. Ich habe auch die Trauer und die Wut in den Augen gesehen, überall. 

Auf der Rückfahrt war ich ganz allein mit meinem Salzburger Malerfreund. Serbien war total leer, eine große Kälte überall, nirgendwo war geheizt, auf den kaum befahrbaren Straßen nur Krähen und Raben und tote Hunde. So haben wir uns irgendwie bis Novi Sad durchgeschlagen. In Ungarn dann war alles anders: Es war geheizt und alles vorhanden, was man brauchte oder auch nicht brauchte. Und plötzlich habe ich gedacht: diesen Unterschied muß man erzählen. Zwei bis drei Wochen später habe ich mir vorgenommen zu erzählen, wie die Reise war.

Damals, im Juli 1995, war ja noch überhaupt nicht klar, was in Srebrenica geschehen war und was es mit den sogenannten Massakern auf sich hatte; es gab mehr Gerüchte als Tatsachen. Die Freundin meines Übersetzerfreundes hat gesagt, sie sei überzeugt, daß nach dem Fall von Srebrenica viel Böses geschehen ist, und ich habe das so erzählt. Wenn man damals auch nur gefragt hat: »Stimmt das wirklich?«, so wurde einem das gleich so ausgelegt, als hätte man das Massaker geleugnet, wie in meinem Fall in Frankreich. Ich hatte ein paar Fragen gestellt: Wie photographierte man die sogenannten Opfer, wie arbeiten die Journalisten?

Da kommt einer vom »Spiegel« von Hamburg aus für zwei Tage, trinkt ein paar Whisky und läßt sich von Dolmetschern, die keine überzeugten Serben waren, um das mindeste zu sagen, irgend etwas erzählen, und keiner versteht die Sprache des Landes. Wen sucht man sich als Übersetzer aus, wer führt einen und wohin? Das sind entscheidende Fragen.

Das hat genügt, um eine friedliche Bombe zu zünden.

P. Priskil: Dann war der erste Anstoß für Ihre Erzählung die Roheit der Propaganda-Sprache?

P. Handke: Ja, das war ein Anstoß. Ich bin richtig stolz darauf, daß ich das gemacht habe. Ich bin auf keines meiner Bücher stolz, aber auf dieses schon.

P. Priskil: Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch »Gerechtigkeit für Serbien«?

P. Handke: Drei, vier Wochen lang war totale Stille, ganz seltsam, keinerlei Reaktionen, nur ein paar Seufzer der Erleichterung - »... endlich!« Aber dann hat sich alles formiert; man war wohl der Meinung, wenn das so weitergeht, wird der Handke alles umdrehen, man müsse reagieren. Dann hieß es in der »Zeit« und im »Spiegel«, ich würde den Völkermord leugnen. Na ja...

P. Priskil: Und die Leser?

P. Handke: Am Anfang gab es wirklich viele gute Reaktionen.

P. Priskil: Was ist Ihrer Ansicht nach die Rolle der Medien insgesamt gewesen? Ob »Massenvergewaltigungen« oder »ethnische Säuberungen« usw. - das sind ja alles vorgestanzte Begrifflichkeiten, die mit einer sehr großen Einschüchterung einhergehen.

P. Handke: Ich selber war zwar nicht eingeschüchtert, aber bedrückt. Ich hatte vorher große Sympathien für Jugoslawien und für serbische Schriftsteller gehabt. Belgrad war für mich die weltoffene Stadt des Balkans, viel weltoffener als zum Beispiel Athen, ganz zu schweigen von Ljubijana, diesem Mitteleuropa-Schwindel, der von Slowenien und Kroatien ausgeht. Es gibt auch weltoffene dalmatinische Städte, die das Erbe Venedigs und Jugoslawiens gut verkörpert haben.

Wie kam denn die Sezession Sloweniens überhaupt zustande? Ich war bis 1991, als sie ihren verlogenen Krieg begannen, Mitglied bei der slowenischen »Akademie der Wissenscharten und Künste«; dann haben sie mich ausgeschlossen. Es waren einfach die Nachkommen der Nazis, die Mitläufer - das ist noch harmlos gesagt - aus dem Zweiten Weltkrieg, die jetzt wieder zugeschlagen haben. Sie kamen plötzlich von überall her, aus Argentinien, Kanada und Amerika, diese betuchten Nachkommen, denn ihre Eltern hatten das Geld über den Vatikan ausgeführt. Sie kamen zurück und hatten leichtes Spiel, weil sie eine Lobby besaßen.

Überall sind jetzt die Nachkommen der alten Faschisten am Ruder. Ich verstehe nicht, wie die alten Widerstandskämpfer in Slowenien oder Kroatien das verkraften. Es muß eine große Trauer herrschen, falls sie überhaupt noch leben.

P. Priskil: Das eigentlich Groteske oder Perverse ist ja, daß dieser Feldzug im Namen der Demokratie geführt wurde.

P. Handke: Ich kann das Wort »Demokratie« in diesem Zusammenhang nicht mehr hören. Das Wort hat ausgedient, dank der Medien oder undank der Medien ... Wenn mir dann jemand mit dem Wort »Demokratie« kommt, dann weiß ich sofort, mit wem ich es zu tun habe.

A. Dorin: Mit diesem Wort kann man heute jedes Verbrechen schönreden und dahinter verstecken. Es braucht nur das Stichwort »Demokratie« - und der Fall ist gelöst.

P. Priskil: Die Worte werden ihres Inhalts beraubt und bekommen eine neue Ausrichtung. Demokratie heißt ja »Volksherrschaft« ...

P. Handke:... und deswegen ist auch Frankreich keine Demokratie, sondern eine Oligokratie. Aber Milosevic ist ein Diktator! Man halte die versteckte Diktatur in Frankreich dagegen. Milosevic war ein Politiker, aber in erster Linie ein tragischer Mensch.

P. Priskil: Sie haben beim Begräbnis von Milosevic in Belgrad eine Rede gehalten. Vorausgegangen war ein Schauprozeß. Wie haben Sie das alles wahrgenommen?

P. Handke: Ich habe Milosevic im Gefängnis besucht, und es hat mir irgendwie wehgetan - vielleicht ein blöder Ausdruck. Aber er war kein Nationalist. Er stimmte bei der letzten Abstimmung über die Auflosung Jugoslawiens dagegen. Er war ein Kommunist. Ich bin mit dem Kommunismus nicht völlig einig, aber ich habe verstanden, daß man Jugoslawien über den Sozialismus halten kann. Statt dessen hat man jetzt die Nationalismen - Slowenen, Kroaten, Serben, Bosnier, Albaner und Mazedonier, zum Teil aus wirtschaftlichen Gründen, weil Slowenien und Kroatien zum Beispiel näher an Europa liegen. Natürlich kam der Katholizismus dazu, der Grenzland-Katholizismus in Slowenien, der in Kroatien wirklich aggressiv wird. Es gibt keine Wiederholungen in der Geschichte, aber es gibt Verwerfungen, die oft größere Katastrophen anrichten als reine Wiederholungen. Damals hat der Papst sofort Partei ergriffen und den kroatischen Katholizismus unterstützt. Der Binnenkatholizismus in Kroatien - man kann kaum behaupten, daß er einen zum Tanz einlädt, zum Totentanz vielleicht...

P. Priskil: Es war auch die Rede davon, daß Milosevic aufgrund unterlassener medizinischer Hilfeleistung gestorben ist.

P. Handke: Das denke ich auch. Es gibt kein einziges Schriftstück von Milosevic, das besagt hätte, daß er irgend etwas mit Völkermord zu tun gehabt hätte - nichts. Es gab nichts außer der Konstruktion: »Wir fingieren eine gemeinsame Bande von Serben in Serbien und von Paramilitärs.« Wenn man diese Fiktion akzeptiert, dann ist alles möglich, dann kann man verurteilen, wen man will, auch ohne Schauprozesse. Denn es war ja kein Schauprozeß; niemand hat sich nach zwei Wochen mehr dafür interessiert. Da waren drei, vier Leute, dann eine Juristenklasse aus Amsterdam und zwei, drei Juristen aus Österreich und ein paar Studenten - verlorene Gestalten. So ist es auch jetzt mit Karadzic, mit Seselj oder mit wem auch immer.

A. Dorin: Entscheidend sind die Erpressungen in Form der sogenannten »plea agreements«. So hat man beispielsweise Biljana Plavsic dazu gebracht, Karadzic zu belasten und selbst ihre »Schuld« einzugestehen. Sie hat Dinge gestanden, zu denen sie überhaupt nicht steht. Es ist ja klar: So etwas kommt heraus, wenn man zu jemandem sagt: »Du hast die Wahl - entweder Du kommst hier nie wieder raus, oder Du kommst in zehn Jahren wieder raus, wenn Du kooperierst.« Da überlegt man sich schon, was man sagt.

P. Handke: Es ist ja überhaupt sehr schwer, etwas über diese Vorgänge an den Mann zu bringen. Wie macht man das, über Srebrenica zu erzählen? Sie haben es in Ihren zwei Büchern ja versucht, aber mir kommt es so vor, als sei es ein Racheakt von serbischer Seite gewesen. Nicht, daß ich es verurteilen würde, aber ich kann es auch nicht uneingeschränkt gutheißen. Jetzt kommt man ständig mit den 8000 Opfern und dem angeblich schlimmsten Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg; unversehens kommt hier mit Auschwitz der deutsche Faschismus rein. Das Gerede mit den 8000 Toten wurde immer intensiver. Vielleicht war es ein Rachemassaker oder was auch immer; ich weiß es nicht, ich bin kein Experte. Ich war sechsmal in Srebrenica, habe aber die Leute nie richtig gefragt. Auch Kravica kenne ich und die Dörfer ringsherum; oft sind ja die Weiler total ausgelöscht worden von ein paar Leuten des Naser Oric. Damals lebten noch viele Serben in Srebrenica, doch mittlerweile sind die Moslems dort stark vertreten. Es hat sich ein unglaublicher Haß in Srebrenica aufgestaut. Sind die tatsächlich gekommen und haben - eigentlich will ich Zahlen vermeiden - zwischen 2000 und 4000 Menschen umgebracht? Niemand von der westlichen Presse fragt, wie es dazu kam; das interessiert niemanden. Also: Die Serben nehmen Srebrenica fast kampflos ein, und Naser Oric ist verschwunden, nach Tuzia oder sonstwohin, wo auch immer er sein Nachtlokal hat..'.

A. Dorin:... evakuiert vom französischen Militär...

P. Handke:... und Mladic hat die Frauen und Kinder nach Tuzla oder an einen anderen Ort bringen lassen. Was ist überhaupt mit ihm? Wenn sie ihn erwischen, brauchen sie ihm gar nichts zu beweisen. Er war einfach Oberkommandierender, und fertig. Das beschäftigt mich sehr, all die zerstörten Dörfer und der Jammer im Umkreis von 20, 30 km um Srebrenica. Es ist ein sehr gebirgiger Landstrich mit zum Teil fast unzugänglichen Weilern, die mutwillig zerstört wurden. In Kravica haben sie am serbischen Weihnachtsfest im Januar 1993 über 50 Leute umgebracht, und zwar nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder. Was ist ein Genozid? Genozid ist doch, wenn man Kinder und Frauen tötet.

A. Dorin: Ich habe mich 15 Jahre lang mit den Vorgängen in und um Srebrenica befaßt, habe mit vielen Leuten geredet und in Kravica auch mit ehemaligen Soldaten gesprochen. Zwei Dinge gilt es dabei eindeutig zu unterscheiden: die Evakuierung der Stadt und die Flucht der moslemischen Armee in Richtung Tuzla.

P. Handke: Es heißt, es habe Scharmützel gegeben.

A. Dorin: Mir liegen z. B. Aussagen von über 30 moslemischen Zeugen aus dieser Militärkolonne vor, die alle bestätigen, daß sie mindestens 2000 Todesopfer auf dem Marsch nach Tuzla zu verzeichnen hatten.

P. Handke: Wo haben Sie diese Zeugen getroffen?

A. Dorin: Ich habe die Aussagen den Aufzeichnungen von Stefan Karganovic entnommen, dem Leiter des »Srebrenica Historical Project«. Er hat die Zeugen befragt und ihre Aussagen analysiert. Es sind über 30 Statements, unter anderem von Nesib Buric. Alle Aussagen stimmen darin überein, daß die moslemischen Truppen auf dem Weg zwischen Srebrenica und Tuzla an 17 verschiedenen Stellen mit der serbischen Armee zusammengestoßen sind. Zum Teil gab es Gefechte, zum Teil Hinterhalte. Die Schätzungen reichen bis zu zwei- oder dreitausend Gefechtstoten auf moslemischer Seite. Diese Ereignisse muß man von der Situation in Srebrenica trennen: Dort - egal, was man später auch immer hineininterpretiert hat - sprechen alle Videoaufnahmen, Dokumente und Zeugenaussagen dafür, daß sich so gut wie gar nichts abgespielt hat. All die Toten, die man später gefunden hat, stammen von jenen 17 Stellen, an denen Gefechte stattgefunden haben.

P. Handke: Hielt sich in Srebrenica nicht noch bosnisches Militär auf, als Mladic und seine Truppen dort eingezogen sind?

A. Dorin: Das Militär wurde einen Tag vor der Einnahme von Srebrenica komplett abgezogen. Mladic hat noch mehrere hundert Männer - man schätzt bis zu 500 - vorgefunden, die in etwa unter die Rubrik »wehrfähiges Alter« fielen. Einer dieser Gefangenen - Ibran Mustafic, der nach vier Monaten freigelassen wurde, weil man ihm keine an Serben begangenen Verbrechen nachweisen konnte - hat gesagt, er glaube kein Wort von dem tausendfachen Massaker an seinen Landsleuten, weil sogar er als prominenter Gefangener freigelassen worden ist. In Den Haag hat der französische Arzt Patrique Bariat während des Prozesses gegen Milosevic im übrigen ausgesagt, daß von den 500 Festgenommenen so gut wie alle wieder freigelassen worden sind. Er berief sich auf die entsprechenden Dokumente. Es gibt also keinerlei Hinweise, daß auch nur ein moslemischer Zivilist ermordet worden ist. Ibran Mustafic hat ferner gesagt, es sei dem kroatischen Geheimdienst bekannt, daß ein Großteil der Gefangenen wieder freigelassen wurde. Seine Originalaussagen liegen mir vor. Die Serben haben also kein Militär in Srebrenica angetroffen, sondern rund 500 Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Ich besitze auch Videoaufnahmen von Mladic, die zeigen, wie der General in die Busse steigt und sagt: »Ich wünsche Euch alles Gute für die Heimfahrt. Ich weiß, daß wehrfähige Leute unter Euch sind, aber laßt es gut sein; ich wünsche Euch viel Glück!« - Es gibt keinerlei Beweise, daß man diese Leute, die zur Befragung nach Bratunac gebracht worden sind, exekutiert hat; ich bin nach 15 Jahren Recherche auf nichts dergleichen gestoßen. Natürlich kenne ich die Gerüchte vom Hörensagen: »Wir haben gesehen, wie die Leute zur Befragung abgeführt wurden; also müssen sie erschossen worden sein.« Wer das aber war, wann und wo das geschehen sein soll, das habe ich nie erfahren. Mladic hat gegenüber Patrique Barriot geäußert, er wisse von etwa 100 Racheakten aufgebrachter Serben, die in der Kolonne Leute erkannten, die ihre Familien abgeschlachtet hatten. Mladic schätzte die Zahl dieser spontanen Racheakte auf 70 bis 100. Schließlich kenne ich die Arbeiten von Den Haager Ermittlern, in denen von 2000 gefundenen Leichen im Umkreis von 50 km um Srebrenica die Rede ist. Das deckt sich recht genau mit den Aussagen der 30 moslemischen Zeugen, die von etwa 2000 Gefechtstoten aus ihren Reihen berichten. Das sind die Fakten - gleichgültig, ob ich nun Serbe, Chinese oder sonstwas bin.

Ich muß auch nicht jeden einzelnen Serben auf Biegen und Brechen verteidigen; ich weiß persönlich von Kriegsverbrechen, die ich abscheulich finde und in keiner Weise billigen kann. Aber ich kenne bis heute keinen Beweis im klassischen Sinne, daß die serbische Führung organisierte Massenerschießungen angeordnet hat. Darauf warte ich bis heute.

P. Handke: Das meiste - und das Schlimmste - halte ich für konstruiert. Clinton und Izetbegovic haben 1993 einiges ausgemauschelt. Aber ich frage mich: Wie konnte man das serbische Militär in diese Falle locken?

A. Dorin: Mladic konnte meiner Ansicht nach nicht voraussehen, was man ihm anhängen würde, wenn er in Srebrenica einmarschiert. Ich glaube, das hat er sich in seinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt. Kurz darauf ist ja auch die Schutzzone Zepa gefallen, und mir liegen Aussagen von Leuten vor, die gesagt haben: »Wir waren regelrecht erstaunt, wie korrekt sich das serbische Militär verhalten hat.«

P. Handke: Ich muß noch einmal auf den Haß zu sprechen kommen, der sich in Srebrenica aufgestaut hat. In Zepa herrschten ganz andere Verhältnisse, das ist ein winziger Ort, während Srebrenica eine Stadt ist...

A. Dorin:... ein Städtchen. Ich habe mich in Bratunac mit ehemaligen Kämpfern aus Srebrenica unterhalten, darunter einem Taxifahrer, der bei den Gefechten dabei war. Karadzic wußte über die Fluchtroute der moslemischen Armee Bescheid, und mir liegt sein Originalbefehl vor, mit dem er das Anlegen von Hinterhalten anordnete. Einige Soldaten haben mir erzählt, wie das ablief. Sie hatten sich auf die Lauer gelegt und mußten nur warten, bis die moslemischen Verbände aus dem Wald herauskamen. Dann haben sie gerufen: »Ergebt Euch!« Aber wenn sie die Waffen nicht weggeworfen haben...

P. Handke: Das war tatsächlich so?

A. Dorin: Ja. Anscheinend wurden die moslemischen Verbände tatsächlich per Megaphon aufgefordert, die Waffen wegzuwerfen. Zoran Petrovic-Pirocanac hat eine Szene gefilmt, die zeigt, wie sich moslemische Soldaten ergeben.

P. Handke: Und dann?

A. Dorin: 800 von ihnen wurden nach Serbien in Gefängnisse gebracht.

P. Handke: Das wollte ich gerade sagen. Einige sind ja auch nach Serbien geflüchtet, und denen ist nichts passiert.

A. Dorin: Nein, man hat sie in die Vereinigten Staaten ausreisen lassen, damit man sie los war.

Aber natürlich hat es auch heftige Gefechte gegeben; es war Bürgerkrieg. An einigen Stellen sind die moslemischen Truppen durch die Reihen der Serben gebrochen, wobei diese hohe Verluste erlitten. Andererseits feuerten die Serben auf die moslemischen Verbände mit allem, was sie hatten: mit Gewehren, Mörsern, Flugabwehr- und Panzerabwehrgeschützen. Es mag brutal klingen, aber diese Kampfhandlungen stehen in Übereinstimmung mit dem Kriegsrecht. Auf moslemischer Seite befanden sich 12000 Menschen, zwei Drittel davon Soldaten; von den restlichen 4000 waren die Hälfte bewaffnete Kämpfer, insgesamt also ein Kontingent von 10 000 Bewaffneten. Ich besitze eine Fotoserie über diese moslemischen Verbände.

P. Handke: Es ist interessant, darüber erzählen zu hören. Sonst heißt es nur, man dürfe über Srebrenica nichts mehr sagen, denn dort habe Sadismus pur geherrscht wie in den Konzentrationslagern. Diese Parallele sitzt ihnen locker. Vielleicht wußten die moslemischen Soldaten auch gar nicht, was sie da tun, und wollten einfach nur heim zu Mama.

A. Dorin: Kann gut sein. Mir tut eine moslemische Mutter, die ihren Sohn verloren hat, nicht weniger leid.

P. Handke: Überhaupt, diese sogenannten »Mütter von Srebrenica«: Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab. Wäre ich Mutter, ich trauerte alleine. Es gab die Mütter von Buenos Aires, sehr richtig, die hatten sich zusammengeschlossen und die Militärdiktatoren gefragt, was mit ihren Kindern geschehen ist. Aber diese billige Nachahmung ist scheußlich. Es gibt die Mütter von Buenos Aires, und das genügt.

P. Priskil: Herr Dorin hat mir im übrigen erzählt, daß Sie einen großen Geldbetrag für humanitäre Zwecke in Srebrenica gespendet haben.

P. Handke: Ach ja, das hätte ich schon fast vergessen. Ich habe mit meinen Lesungen aus dem Buch »Gerechtigkeit für Serbien« - eigentlich lautet der korrekte Titel »Die winterliche Reise« - damals viel Geld verdient, so um die 40 000 DM. Diese Summe habe ich nach Srebrenica gegeben. Der Bürgermeister, ein feiner Mann, sagte zu mir: »Jetzt werden wir alle Häuser in Srebrenica weißeln lassen.« Als ich das nächste Mal dorthin kam, hatten sie sich von dem Geld einen großen schwarzen Mercedes gekauft, (lacht)

A. Dorin: Vielleicht noch eine abschließende Bemerkung zum Thema Srebrenica. Ich kann von mir guten Gewissens behaupten, daß ich während der letzten 15 Jahre wirklich bei jedem einzelnen Ereignis wissen wollte, was da genau geschehen war. Das Interessante ist nun, daß, wenn meine eigenen Recherchen der offiziellen Darstellung widersprachen, der Kommentar vieler Leute lautete: »Aber Du kannst doch nicht generell behaupten, daß nichts passiert ist!« Häufig bekam ich auch zu hören: »Du wirst doch wohl nicht bestreiten wollen, daß Massenverbrechen verübt worden sind!« So ging es weiter, von einem Ereignis zum nächsten, und stets hieß es, man könne nicht bestreiten, daß irgend etwas passiert ist, ohne allerdings zu sagen, was genau passiert sein soll. Meine eigenen Nachforschungen führten nie zu dem Ergebnis, daß die offizielle Version stimmt.

P. Handke: Als ich bei einer Verhandlung in Den Haag gegen einen moslemischen Lagerkommandanten war, hieß es in der Überschrift der offiziellen Verlautbarung, daß es ein Urteil gegen serbische Täter sei. Erst wenn man weiterlas, merkte man, daß von Moslems die Rede war. 

Im Bewußtsein der Leute ist der Begriff »Lager« stets mit dem Wort »Serben« verknüpft. Kürzlich habe ich ein Buch über die Geschichte Jugoslawiens gelesen, geschrieben von einer Frau namens Marie-Janine Calic. Man spürt kaum mehr, daß sie auswählt, aber man merkt genau, daß sie einer Tendenz folgt. Den Muslimen wird der Part der Guten gegeben; sogar die Handschar-Division kommt gut weg. Sie schreibt so, wie nur Historiker es können: Das Buch wirkt wie gepanzert; man kommt nicht hinein. Auch die angeblichen Massenvergewaltigungen kommen zur Sprache. Sie nennt keine Zahlen, aber stets hat man den Eindruck, daß die Serben diese Verbrechen verübten. Dann liest man ein Fallbeispiel und merkt erst nach zwei Seiten, daß es sich um eine Serbin handeln muß, die in einem moslemischen Lager vergewaltigt worden ist.

A. Dorin: Der Co-Autor des im AHRIMAN-Verlag erschienenen Dokumentationsbandes über Srebrenica, Zoran Jovanovic, leitete den Informationsdienst des Drina-Korps in der serbisch-bosnischen Armee. Ich habe ihn des öfteren gebeten, mir mitzuteilen, was genau wo passiert ist, und er hat mir auch Geschichten erzählt, bei denen die Serben alles andere als gut wegkommen. In Vlasenica zum Beispiel gab es ein Lager mit moslemischen Flüchtlingen. Eines Tages kam eine Horde unrasierter, geistig verwirrter, seit einem Jahr kämpfender Tschetniks *) aus dem Wald. Zoran sagte nicht »Menschen«, sondern »Tiere«, sie waren völlig verwahrlost und rückten mit irren Augen in den Ort ein. Als sie erfuhren, daß in einer Halle moslemische Flüchtlinge untergebracht waren, sind sie dort eingedrungen und haben mit ihren Maschinengewehren ungefähr 40 Menschen über den Haufen geschossen. Zoran hat mir zwei, drei solche Geschichten erzählt.

Und so habe ich es mit allen meinen Informanten gehalten. Ich habe sie gebeten, mir alles mitzuteilen, was sie wußten; dann habe ich das Material zusammengetragen und meine Rückschlüsse daraus gezogen. Natürlich gab es Haß auf beiden Seiten, auch unter Nachbarn, die aufeinander losgegangen sind.

P. Handke: Man hat immer gesagt, der Bürgerkrieg sei der schlimmste Krieg, aber es gibt noch einen schlimmeren: den Nachbarkrieg. Wenn dann noch die Religion hinzukommt...

A. Dorin: Freilich muß ich eines sagen: Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich festgestellt, daß die Leute in Serbien - darunter auch meine Eltern, deren Familien im Zweiten Weltkrieg zu 90 % ausgerottet worden sind - nicht dazu neigen, gegen andere zu hetzen. Meine Mutter hat mir mein Leben lang erzählt: »Meine Familie wurde ausgerottet von bösen Menschen« - nicht von Kroaten oder Bosniern, von Katholiken oder Moslems. Und: »Wir sind Jugoslawen.« Das war das Vermächtnis Titos. Erst 1990 habe ich erfahren, wer die Familienangehörigen meiner Mutter umgebracht hat und daß wir Serben sind. Bei meinem Vater war es genau das gleiche: Stets war von »bösen Menschen« die Rede, nie von einem Volk an und für sich. Als ich ein kleines Kind war, sind wir öfter durch Bosnien gefahren. Ich hörte einen Hodscha rufen und fragte meine Mutter, was das zu bedeuten habe. Sie antwortete: »Der betet zu Go

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